Strukturwandel in Zeiten des Fachkräftemangels

BDA AGENDA 07/25 | KOMMENTAR DER WOCHE | 3. April 2025

Prof. Dr. Steffen Müller, Leiter der Abteilung Strukturwandel und Produktivität, Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH)

In Deutschland wird Strukturwandel oft als Problem gesehen, das, wenn nicht verhindert, so doch zumindest abgefedert und verzögert werden muss. Derzeit dreht sich die Diskussion vor allem um die Industrie, Stichwort „Deindustrialisierung“. Früher war es beispielsweise der hochsubventionierte westdeutsche Steinkohlebergbau, dessen unvermeidliches Ende über Jahrzehnte gestreckt worden ist. Eine wesentliche Ausnahme war der radikale ökonomische Umbruch in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung. Damals konnte es vielen in den alten Bundesländern nicht rasch genug gehen. Glücklicherweise ist die Radikalität der damaligen Umbrüche mit dem derzeitigen Strukturwandel nicht zu vergleichen.

Strukturwandel ist in einer Marktwirtschaft ein kontinuierlicher Prozess: Ökonomische Ressourcen – vor allem Arbeit und Kapital – werden fortlaufend zwischen Unternehmen und Branchen neu verteilt. Dies geschieht, weil sich die Marktwirtschaft an veränderte Gegebenheiten anpasst. Ressourcen wandern dorthin, wo sie am effizientesten genutzt werden, wodurch produktive Unternehmen wachsen, während andere schrumpfen oder insolvent gehen. Das steigert die gesamtwirtschaftliche Produktivität – und damit Wohlstand, Steuereinnahmen und Löhne. Ein Erfolgsfaktor der deutschen Wirtschaft ist ihre vergleichsweise effiziente Ressourcenallokation. Wäre Arbeit hingegen ohne Rücksicht auf Unternehmensproduktivität verteilt – wie in einer Planwirtschaft möglich – läge das Bruttoinlandsprodukt sehr viel niedriger.

Natürlich gibt es Kritik am Strukturwandel nicht nur aufgrund von Besitzstandswahrung – er erzeugt auch Verlierer. Aber wie hoch sind die durchschnittlichen Verluste? Hochwertige Forschung zeigt, dass der deutsche Sozialstaat kurzfristige Einkommensverluste nach Arbeitsplatzverlust langjährig Beschäftigter weitgehend ausgleichen kann und langfristige Lohnverluste mit weniger als fünf Prozent überschaubar sind. Zudem steigen die Kosten für Betroffene mit der Arbeitslosenquote, die aktuell mit gut sechs Prozent erfreulich niedrig ist. Wirklich spürbare, bleibende Verluste entstehen meist nur bei lokal konzentrierten Zusammenbrüchen großer, dominanter Industrieunternehmen.

Das Pro und Kontra des Strukturwandels ist nicht neu. Neu an der Diskussion ist der bereits spürbare und perspektivisch dramatische Arbeits- und Fachkräftemangel. Dieser verändert die Bewertung des Strukturwandels grundlegend: Einerseits sinken die Kosten eines Jobverlusts, da anderswo händeringend Personal gesucht wird. Andererseits steigt die Notwendigkeit des Wandels. Vor 20 Jahren – bei knapp 12 Prozent Arbeitslosenquote – war die Rettung nicht mehr wettbewerbsfähiger Unternehmen für die Gesamtwirtschaft zwar auch problematisch, aber immerhin fanden produktive Unternehmen dennoch genug Arbeitskräfte. Heute wäre dieselbe Politik doppelt schädlich: Sie erhält schwache Unternehmen künstlich am Leben und bremst zugleich zukunftsfähige Betriebe aus.

Die Botschaft ist klar: Fachkräftemangel macht Strukturwandel notwendiger und verringert zugleich dessen soziale Kosten. Die Politik sollte diesen Wandel gut erklären, positiv begleiten und keinesfalls behindern.