01.07.2019

Unser Auftrag ist aktueller denn je

70 Jahre BDA: Bei einem Werkstattgespräch in Berlin blickten viele Mitglieder der BDA-Familie nicht zurück, sondern diskutierten die Perspektiven und Herausforderungen für die Zukunft.
Die Zukunft der BDA und der Arbeitgeberverbände stand im Zentrum eines Werkstattgesprächs, zu dem die BDA am vergangenen Donnerstag (27. Juni) ihre Mitglieder nach Berlin eingeladen hatte. Anlass war und ist das 70-jährige Verbandsjubiläum in diesem Jahr. Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer nutzte die Veranstaltung, um den Blick vor den rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmern in der Berliner „Factory“ nicht zurück, sondern nach vorne zu richten. In den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellte er fünf Impulse, die von der „Digitalisierung“ bis hin zum „Engagement in den Verbänden“ reichten. Es entwickelte sich ein Abend, der ganz im Zeichen einer lebhaften und engagierten Diskussion über die Zukunft der Arbeitgeberverbände stand.

“Wir leben in Zeiten des Wandels,” unterstrich Kramer in seinem Eingangsstatement. Nichts scheine mehr sicher, große Organisationen seien gravierenden Umwälzungen bis hin zu existentiellen Krisen ausgesetzt. Auch die Existenz von Arbeitgeberverbänden sei längst kein Naturgesetz mehr. Man müsse daran schon hart arbeiten und sich den Auftrag der deutschen Wirtschaft immer wieder neu verdienen. Die Verbände stünden längst Herausforderungen gegenüber, die mehr Antworten bräuchten als die bisher üblichen. Er werbe dafür, dass „wir unsere Kunden – unsere Mitglieder und mit ihnen die Unternehmen – noch stärker als bisher in den Mittelpunkt stellen.“

Ingo Kramer machte deutlich, dass der Auftrag der Arbeitgeberverbände aktueller denn je sei. Die Interessen von Arbeitgebern könnten gemeinschaftlich wirkungsvoller vertreten werden. Das habe für die vergangenen 70 Jahre gegolten, dies gelte aber umso mehr für die digitale Zukunft und die damit einhergehende Vielfalt von Einzel- und Partikularinteressen. “Wir wollen die Regeln und Prinzipien ausgestalten, nach denen wir zukünftig in den Unternehmen miteinander arbeiten wollen,” betonte Kramer. Dies solle nicht der Politik überlassen werden.

Der Mensch als wichtigste Unternehmensressource

In einer Zeit, in der für Unternehmen Personal- und Fachkräftefragen immer wichtiger würden, stehe für die Arbeitgeber der Faktor Mensch als wichtigste Unternehmensressource im Mittelpunkt. Die Sozialpartnerschaft mit den Gewerkschaften, als Rahmen für die Zusammenarbeit von Menschen in Unternehmen, sei dafür ein zeitlos gutes Modell, an dem man festhalten wolle. Auch die Soziale Marktwirtschaft sei in den vergangenen 70 Jahren ein Glücksfall für Deutschland gewesen, und sie werde es auch in Zukunft sein. Der Einsatz für sie sowie für die Demokratie lohne sich, und es sei wichtig, dass die Wirtschaft hier wie bei der Europawahl Haltung und Flagge zeige.

Abschließend erinnerte Ingo Kramer daran, dass die BDA und die Arbeitgeberverbände auch in Zukunft engagierte und ehrenamtlich tätige Unternehmerinnen und Unternehmer bräuchten. Dies sei eine der großen Herausforderungen, vor denen man stehe. Nur die direkte Anbindung an die Unternehmerschaft ermögliche es, die Bedürfnisse der deutschen Wirtschaft zu erkennen. Vielleicht sei es nicht cool, sich in Arbeitgeberverbänden zu engagieren, aber es sei notwendiger denn je. Er rief auch dazu auf, mehr Selbstbewusstsein zu zeigen. Die BDA und die Arbeitgeberverbände würden sich im Rahmen der Selbstverwaltung auf vielfältige Weise für das Gemeinwesen engagieren. “Dieses Engagement wollen wir als Teil unserer Identität deutlicher nach außen tragen,” sagte der Arbeitgeberpräsident.

BDA-Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter wies in seinem Impuls auf den Anspruch der BDA hin, organisatorisch zukunftsfähig zu sein. Sie wolle für ihre Mitglieder ein kompetenter Ansprechpartner und Dienstleister auch in der digitalen Zeit bleiben. Es komme aber auch darauf an, über den eigenen Tellerrand zu schauen und die eigenen Netzwerke über die traditionellen Strukturen hinaus auszubauen. So wolle man auch Start-ups und Vertreterinnen und Vertreter neuer digitaler Branchen für die Verbände gewinnen, denn auch diese könnten von einem Arbeitgeberverband profitieren. Kontakte zu Akteuren in Bildung, Wissenschaft und Forschung, in Denkfabriken und Zukunftslaboren sollen weiter ausgebaut werden, um selbst auf der Höhe der Zeit zu sein.

Eine wichtige Aufgabe sei auch, mehr für den verbandlichen Nachwuchs zu tun. So sprach sich Kampeter für die Erneuerung des Nachwuchsprogramms aus, das im Sinne einer echten Personalentwicklung den Nachwuchs und Talente der Organisation fördern solle. Die Bewerbungslage in Deutschland habe sich umgekehrt - Arbeitgeberverbände müssten sich bei den Zukunftstalenten bewerben.

Der Hauptgeschäftsführer erinnerte ferner daran, dass auch die Kommunikation sich im Wandel befinde. Umso mehr komme es darauf an, zukünftig aktiver als bisher unterschiedliche Formate und Kanäle zu nutzen, um die Botschaften der BDA zu verbreiten, sagte Kampeter, der von “politischer Überzeugungskraft 4.0” sprach.

“Findet die Wirtschaft noch Gehör, und ist die BDA ein Pionier des Wandels?” Diesen Fragen ging Prof. Dr. Karl-Rudolf Korte von Universität Duisburg-Essen nach. Die “Kommunikationsmärkte” hätten sich fundamental geändert. Es gebe keine Deutungsautorität mehr, dies gelte auch für Interessengruppen. Es herrsche eine breite Skepsis gegenüber allen Institutionen und es gebe eine Art “Vorverachtung” auf alles Etablierte. Vor diesem Hintergrund warb Prof. Korte für mehr Selbstbewusstsein in den Reihen der Arbeitgeberverbände. Das “larmoyante Gejammer” über den vermeintlichen Verlust an Einfluss sei nicht nachvollziehbar. Diese “Sandkastenverteidigung” sei irritierend. Angebracht sei, mehr Stolz auf das in 70 Jahren Erreichte zu zeigen.

Schlaglichter der Diskussion

Die Notwendigkeit von Veränderungen wurde auch von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der beiden Panels sowie von zahlreichen Wortbeiträgen aus dem Publikum aufgegriffen. Sandra Mühlhause, Präsidentin des Bundesverbands der Systemgastronomie, betonte unter anderem, dass die Gesellschaft immer vielfältiger werde, die Beteiligungsmöglichkeiten an gesellschaftlichen Debatten so stark über soziale Medien geformt würden wie nie zuvor. Wichtig sei, sich stets zu hinterfragen und in der Entwicklung nicht stehen zu bleiben.

Dr. Kai Beckmann, Präsident des BAVC, widersprach dem Eindruck, dass Arbeitgeberverbände “larmoyante Jammerer” seien, die lediglich nur als “Abwehrgeschütze” auftreten würden. Er nehme die Verbände durchaus auch als gestaltende und selbstbewusste Organisationen wahr.

Angelique Renkhoff-Mücke, Vorstandsvorsitzende, WAREMA Renkhoff SE, forderte dazu auf, sich den Veränderungen zu stellen, auch neue Wege zu gehen und insgesamt mehr Mut zu zeigen. Dies werde auch in den Unternehmen gepredigt. Andernfalls verliere man den Anschluss und den Einfluss, den man aber dringend brauche.

Der Wirtschaftsjournalist der FAZ, Dietrich Creutzburg, wünschte sich für die Zukunft mehr öffentliche Diskurse innerhalb des Arbeitgeberlagers zum Beispiel über Ziele und Ausrichtung von Tarifpolitik. Öffentliche und konstruktive Diskussionen darüber trügen zum besseren Verständnis der Belange und Sachzwänge bei, unter denen die Unternehmen und Verbände agierten.

Zu den weiteren Diskutanten gehörten auch Christoph Bornschein, Geschäftsführer der Digitalagentur „Torben, Lucie und die gelbe Gefahr“ sowie Cornelius Fischer, Programmmanagement Vorstand Digitalisierung & Technik, Deutsche Bahn. Moderiert wurde der Abend von der Fernsehjournalistin Ines Arland.