Praktikum

Praktika sind Brücken in Beschäftigung – Regulierungen und Mindestlohn schaden

Praktika dienen der beruflichen Orientierung und sind häufig Sprungbretter in Beschäftigung. Dies gilt insbesondere für Absolventinnen und Absolventen von Fächern ohne festen Berufsbezug. Vorwürfe, Praktika würden als „Quelle billiger oder gar kostenloser Arbeitskraft missbraucht“ und auf diese Weise reguläre Beschäftigung verdrängen, verzerren die Wirklichkeit: Die „Generation Praktikum“ gibt es nicht.

Praktika sind ein unverzichtbarer Bestandteil von Berufsfindung und Berufsbildung in Deutschland. Zudem kompensieren sie fehlende Praxisbezüge in der Hochschulausbildung. Die Hälfte der Fachhochschul- und zwei Drittel der Uniabsolventen sind mit dem Praxisbezug des Studiums und der Vorbereitung auf eine Beschäftigung durch die Hochschule unzufrieden (DZHW 2016).

Praktika bieten vielfältige Chancen: Praktikantinnen und Praktikanten erhalten wichtige Einblicke in die Berufspraxis, entwickeln dort ihre Fähigkeiten weiter und schärfen ihr Profil. Nicht zuletzt können Kontakte zu Arbeitgebern im In- und Ausland aufgebaut und gepflegt werden. Für Unternehmen bieten Praktika die Möglichkeit, potenzielle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennen zu lernen und sich rechtzeitig Nachwuchskräfte zu sichern sowie langfristige Kontakte zu Hochschulen zu knüpfen. Praktika bedeuten für Unternehmen jedoch auch ein großes Investment an Zeit und Geld zur Betreuung der jungen Menschen.

Der gesetzliche Mindestlohn hat weitreichende Folgen auf das Angebot von Praktikumsplätzen. Die Arbeitgeber hatten sich stark dafür eingesetzt, dass Praktika, da sie in erster Linie der beruflichen Orientierung dienen, vom Mindestlohn ausgenommen werden. Zumindest Teilerfolge konnten erzielt werden: Vom Mindestlohn ausgenommen sind alle Pflichtpraktika, die in der Studien- und Prüfungsordnung der jeweiligen Hochschule vorgesehen sind, sowie freiwillige Praktika während des Studiums mit einer Dauer von bis zu drei Monaten. Doch diese Ausnahmen gehen nach wie vor nicht weit genug und führen für Unternehmen zu hohen bürokratischen Belastungen und Rechtsunsicherheit.

Um die geltenden Ausnahmeregelungen für Pflicht- Orientierungs- und Freiwilligenpraktika überhaupt anwenden zu können, sind die Unternehmen gezwungen, umfassende Nachweise von ihren Praktikanten zu verlangen. So muss beispielsweise für Pflichtpraktika die jeweilige Studienordnung oder eine Bestätigung der Hochschule vorgelegt werden. Schon die bloße Einordnung, welche Art von Praktikum vorliegt, bringt erhebliche Abgrenzungsschwierigkeiten mit sich.

Der gesetzliche Mindestlohn hat zu einer Verknappung des Praktika-Angebots und zu einer Verkürzung der Praktikumsdauer geführt. Nach Berechnungen der Studie Bildungsinvestitionen der deutschen Wirtschaft, die vom Stifterverband zusammen mit dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW Köln) durchgeführt wurde, sind allein von 2014 auf 2015 insgesamt 53.000 Praktikumsplätze verloren gegangen Auch eine Sonderumfrage der Randstad ifo-Personalleiterbefragung im 1. Quartal 2016 zeigt einen deutlichen Rückgang der in diesem Zeitraum angebotenen Praktikumsplätze. Vor Einführung des gesetzlichen Mindestlohns gaben 77 Prozent der befragten Unternehmen an, freiwillige bzw. Pflichtpraktika anzubieten. Nach Einführung des gesetzlichen Mindestlohns gaben dies nur noch 43 Prozent der Unternehmen an. Bestätigt wird diese Entwicklung auch durch die Ergebnisse einer Umfrage der bayerischen Metall- und Elektro-Arbeitgeber im Sommer 2015 bei ihren Mitgliedern: Demnach hat von den 78,5 Prozent der Betriebe, die grundsätzlich Praktika angeboten hatten, jeder zweite Betrieb das Angebot von Praktika infolge der Einführung des flächendeckenden Mindestlohns eingeschränkt. Dabei bieten 15,5 Prozent der Firmen keine freiwilligen, sondern nur noch Pflichtpraktika an. 23,9 Prozent bieten freiwillige Praktika nur noch für maximal drei Monate an. 16,2 Prozent der Betriebe bieten weniger freiwillige Praktika an als zuvor. 2,8 Prozent der Unternehmen bieten nach Einführung des Mindestlohns überhaupt keine Praktika mehr an – auch keine Pflichtpraktika.

Damit erfährt auch die Mehrheit der Studierenden Nachteile durch den Mindestlohn. Diese liegen nicht nur in der Verknappung des Angebots und in einer Verkürzung der Praktikumsdauer. Die große Mehrheit der Studierenden profitiert damit auch in finanzieller Sicht nicht vom Mindestlohn. Zudem konterkariert diese Entwicklung aus hochschuldidaktischer Sicht das Ziel der Studienreform des Bologna-Prozesses, im Studium sowohl akademische als auch berufsqualifizierende Kompetenzen zu erwerben. Durch die höhere Vergütung von Praktikanten, müssen Unternehmen teilweise im Gegenzug bei anderen Ausbildungsprogrammen sparen, wie z.B. beim Angebot von Traineestellen.

Diese Entwicklungen zeigen, dass verpflichtende Praktika generell von der Mindestlohnpflicht ausgenommen werden müssen. Freiwillige praktische Tätigkeiten sollten darüber hinaus mindestens zwölf Monate ausgeübt werden können, ohne dass dies eine Mindestlohnpflicht auslöst. Für solche Tätigkeiten sollte schließlich gesichert werden, dass eine Vergütungspflicht erst ab dem dreizehnten Monat eintritt. Es muss klargestellt werden, dass auf der Grundlage öffentlich-rechtlicher Vorgaben angeordnete Eingliederungsmaßnahmen mit praktischen Beschäftigungsanteilen, z.B. nach SGB II, III, VII oder IX, stets mindestlohnfrei sind.
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