Langzeitarbeitslose und Geringqualifizierte

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) halbierte sich die Langezeitarbeitslosigkeit in den vergangenen zehn Jahren, sie sank von über 1,7 Mio. im Jahr 2007 auf 900.000 im Jahr 2017 (BA 2018). Der weitere Abbau des harten Kerns der Langzeitarbeitslosen wird jedoch zu einer immer größeren Herausforderung. Langzeitarbeitslosigkeit bedeutet für die betroffenen Menschen oft gesellschaftliche Isolation und für Wirtschaft und Gesellschaft den Verlust von Arbeitskräften und hohe Ausgaben.

Langzeitarbeitslosigkeit und eine fehlende bzw. geringe Qualifikation stehen im engen Zusammenhang: Im Durchschnitt des Jahres 2017 hatten 1,16 Mio. Arbeitslose keinen (formalen) Berufsabschluss. Langzeitarbeitslosigkeit kann aber nicht auf eine fehlende oder geringe Qualifikation reduziert werden. Es ist vielmehr ein komplexes Problem, das nicht einfach mit neuen Arbeitsmarktprogrammen oder der Ausdehnung öffentlich geförderter Beschäftigung zu lösen ist. Erforderlich ist ein Bündel von Maßnahmen in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik und im Bildungssystem. Neben den Anstrengungen der Politik, der Verwaltung und der Arbeitgeber bedarf es auch der Eigenverantwortung der Betroffenen selbst, um Langzeitarbeitslosigkeit zu vermeiden bzw. zu beenden.

Förderung an Stärken des Einzelnen und Bedürfnissen des Arbeitsmarkts orientieren

Im Mittelpunkt müssen die präzise Feststellung von Stärken und Hemmnissen, die individuelle Förderung sowie die Entfaltung der persönlichen Potenziale unter Einbeziehung der Perspektiven am Arbeitsmarkt stehen. Für Menschen, die noch nie oder lange Zeit keine Arbeitserfahrung hatten, ist die systematische und umfassende Abbildung auch informeller, individueller berufsübergreifender, Kompetenzen eine zentrale Voraussetzung für eine passgenaue Beratung, Förderung und Vermittlung. Dies kann und muss gerade bei Geringqualifizierten dazu dienen, Stärken und Handlungsbedarfe herauszuarbeiten. Daher sollte Geringqualifizierten und Langzeitarbeitslosen grundsätzlich die freiwillige Teilnahme an einer systematischen Kompetenzdiagnostik, z. B. durch den sog. Psychologischen Dienst der Bundesagentur für Arbeit (BA), angeboten werden. Rund 40 Prozent der Grundsicherungsempfänger geben an, dass sie schwerwiegende gesundheitliche Einschränkungen aufweisen. Deswegen kommt es in der Betreuung Langzeitarbeitsloser zudem darauf an, auch die speziellen gesundheitlichen Bedürfnisse stärker einzubeziehen und etwaige Rehabilitationsbedarfe frühzeitig zu erkennen.


Anstrengungen für gezielte Weiterbildung Erwachsener intensivieren – Bildungswege
flexibler gestalten


Die Beschäftigungsperspektiven von Geringqualifizierten sind deutlich schlechter als die von qualifizierten Fachkräften. Deshalb müssen vor allem die Anstrengungen zur abschlussorientierten Qualifizierung im engen Miteinander der Akteure auf dem Arbeitsmarkt fortgesetzt werden. Teilqualifizierungen und Ausbildungsbausteine müssen verstärkt genutzt werden, um Bildungswege für Geringqualifizierte flexibel zu gestalten und sie schrittweise zu einem Ausbildungsabschluss zu führen. Die beste Lösung bleibt immer eine reguläre Ausbildung, die mit allen Unterstützungsangeboten gerade für unter 25-Jährige den Vorzug behalten muss. Auch informell erworbene Kompetenzen müssen durch entsprechende Dokumentation sichtbar und für den Arbeitsmarkt nutzbar gemacht werden. Die mittel- bis langfristig erfolgreichste Strategie ist es, die Anzahl der Geringqualifizierten zu minimieren, die in den Arbeitsmarkt eintreten. Es ist richtig, dass jetzt Langzeitarbeitslose auch nach Aufnahme einer Beschäftigung in der Einarbeitungsphase weiter betreut werden können, um Abbrüche zu vermeiden und das Beschäftigungsverhältnis zu stabilisieren.


Langzeitarbeitslose mit Kindern müssen gezielt gefördert werden. Die Erfahrung, dass beide Eltern über längere Phasen arbeitslos sind, und die damit verbundenen sozialen Folgen sollten Kindern erspart bleiben. So kann auch vermieden werden, dass Bedürftigkeit und Leistungsbezug als Normalität wahrgenommen und an die Kinder „weiter vererbt“ werden.


Öffentlich geförderte Beschäftigung muss ultima ratio bleiben

Öffentlich geförderte Beschäftigung leistet in der Regel keinen Beitrag zur nachhaltigen Integration von Geringqualifizierten in den ersten Arbeitsmarkt. Arbeitslosigkeit wird oft nicht nur nicht verringert, sondern mitunter sogar verfestigt. Gerade für Geringqualifizierte sind öffentliche Beschäftigungsmaßnahmen oft attraktiver als einfache Tätigkeiten am ersten Arbeitsmarkt, die entsprechend der niedrigen Produktivität entlohnt werden. Diese Fehlanreize werden durch eine tarifliche oder ortsübliche „Entlohnung“ öffentlicher Beschäftigung und eine Ausgestaltung als sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis verschärft. Arbeitslosen wird so fatalerweise suggeriert, einer regulären Beschäftigung nachzugehen. Folge ist oft, dass nicht mehr aktiv nach einer Stelle gesucht wird und die Aufnahme einer Beschäftigung am ersten Arbeitsmarkt immer unwahrscheinlicher wird („Lock-in-Effekt“).

Nur solange die Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt noch nicht möglich ist, kann der Einsatz zeitlich befristeter öffentlicher Arbeitsgelegenheiten im Einzelfall sinnvoll sein: zur Prüfung von Arbeitsbereitschaft, als streng subsidiäre Gelegenheit zu sinnvoller Betätigung im Interesse der Allgemeinheit und zur Stärkung des Bewusstseins, dass für die Unterstützung durch die Solidargemeinschaft eine Gegenleistung zu erbringen ist. Hierüber muss nach Ausschöpfen aller anderen Möglichkeiten auf Basis eines konsequenten Profilings entschieden werden. Auch bei langzeitarbeitslosen Eltern mit Kindern ist – als ultima ratio – eine zeitlich befristete öffentliche Beschäftigung denkbar, um in die Familie geregelte Tagesabläufe und damit Stabilität zu bringen und der Vererbung von „Arbeitslosengeld II-Karrieren“ entgegenzuwirken.

Wegen des Risikos teurer Mitnahme- und kontraproduktiver Verdrängungseffekte muss öffentliche Beschäftigung grundsätzlich so kurz wie möglich eingesetzt werden. Keinesfalls sollten durch länger- oder unbefristete Beschäftigungsprogramme neue Wege in die Frühverrentung eröffnet werden.


„Ein-Euro-Jobs“ nur in engen Grenzen sinnvoll

Arbeitsgelegenheiten für Arbeitslosengeld-II-Bezieher nach § 16d SGB II (die sog. Ein-Euro-Jobs) können im Rahmen einer konsistenten Strategie des Fördern und Forderns in begrenztem Umfang einen Beitrag zur Überprüfung der Arbeitsbereitschaft von Langzeitarbeitslosen und zur Heranführung an Beschäftigung leisten. Die gesetzlichen Voraussetzungen der „Zusätzlichkeit“, des „öffentlichen Interesses“ und der „Wettbewerbsneutralität“ müssen aber strikt eingehalten und beibehalten werden. Keinesfalls bedarf es pauschaler „100.000er-Programme“ für bestimmte Zielgruppen. Um arbeitsmarktferne Personen nachhaltig in Arbeit zu bringen, muss der Fokus von Anfang an eindeutig und klar darauf abzielen, sie auf eine Berufsausbildung vorzubereiten bzw. sie in eine Ausbildung oder reguläre Beschäftigung am ersten Arbeitsmarkt zu integrieren.
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