13.10.2016

Das britische Referendum zeigt seine ersten Auswirkungen auf die Konjunktur

Die Abstimmung im Juni hat die europäischen Märkte aus der Bahn geworfen. Kurz- und mittelfristig sorgt die gestiegene Unsicherheit für Zurückhaltung bei Investitionen. Die langfristigen Konsequenzen werden von den Modalitäten der zukünftigen Handelsbeziehungen abhängen.
Kurzfristig brachen die Aktienkurse ein, erholten sich jedoch wieder

In den Tagen nach dem Referendum über die EU-Mitgliedschaft war die Verunsicherung der Märkte sehr deutlich sichtbar. Der britische Aktienindex FTSE 30, der deutsche DAX 30 und der Eurostoxx 50 verloren jeweils rund fünf Prozent an Wert. Seitdem haben sich alle Indices bis Oktober 2016 wieder erholt und liegen über den Werten vor dem Referendum. Damit reagieren die Börsen nach der anfänglichen Volatilität darauf, dass das Ergebnis formell noch kein Austritt nach Art. 50 des Vertrags von Lissabon ist. Premierministerin May hat am 2. Oktober angekündigt, diesen Schritt im März 2017 zu starten.

Schon weit vor dem 23. Juni wertete das britische Pfund ab

Bereits die Ankündigung des Referendums führte zu einer massiven Abwertung des Pfund Sterlings. Von Ende 2015 bis zur Abstimmung verlor die britische Währung im Vergleich zum Euro rund zehn Prozent an Wert. Unmittelbar nach dem Referendum erfolgte eine weitere scharfe Korrektur von rund fünf Prozentpunkten. Bis Oktober 2016 ging der Wert um weitere fünf Prozentpunkte zurück, sodass das Pfund in Summe knapp 20 Prozent abwertete. Das schwache Pfund hilft der britischen Exportwirtschaft jedoch nur kurzfristig und hat in den ersten Monaten die negativen wirtschaftlichen Einflüsse auf das Vereinigte Königreich etwas abgefedert. Die anderen Mitgliedstaaten der EU dürften eine leichte Dämpfung ihrer Ausfuhren erfahren.

Deutschland hat im Jahr 2015 Waren im Wert von rund 89 Milliarden Euro und Dienstleistungen über 24 Milliarden Euro nach Großbritannien exportiert. Auch wenn deutsche Exporte eher über die Qualität und nicht über den Preis wettbewerbsfähig sind, dürfte es zu schwachen Rückgängen kommen.

Gestiegene Unsicherheit lässt mittelfristig die Investitionen sinken

Die Unklarheit über den zukünftigen Status des Vereinigten Königreichs führt zur Aufschiebung oder sogar Streichung von Investitionen. Dieser Effekt wirkt 2016 noch schwach, dürfte aber 2017 zu Einbrüchen des britischen Wachstums führen. Die Europäische Kommission schätze im Juli 2016 für das Jahr 2017 einen Rückgang von 1,9 Prozent auf 1,1 Prozent (mildes Szenario) bzw. auf bis zu -0,3 Prozent (hartes Szenario). Die OECD geht im September 2016 für das Jahr 2017 mit einem britischen Wachstum von einem statt vormals zwei Prozent aus.

Wachstumsperspektiven für Deutschland und den Euroraum sinken

Die generell gestiegene Unsicherheit und rückläufige Exporte haben die genannten Institutionen zu Revisionen der Wachstumsprognosen für Deutschland und den Euroraum im Jahr 2017 bewogen. 2017 dürfte der BIP-Anstieg in Deutschland aus unserer Sicht minimal nach unten korrigiert werden.

Langfristig hängen die Konsequenzen von der Ausgestaltung der wirtschaftlichen Beziehungen ab

Eine Vielzahl möglicher Modelle zwischen der EU und Großbritannien ist denkbar. Die Teilhabe am Binnenmarkt ist dabei für die konjunkturellen Effekte entscheidend. Quantitative Schätzungen darüber sind mit großer Unsicherheit behaftet. Wichtige politische Entscheidungen stehen noch aus. Für das Investitionsklima wird entscheidend sein, dass diese Politikunsicherheit zurückgeht und klare Rahmenbedingungen für die Zusammenarbeit mit dem Vereinigten Königreich vorherrschen.


Informationen zum Text
erstellt von: Dr. Wolfgang Eichert (BDI)