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Abitur am Gymnasium nach acht statt neun Jahren

Vor gut fünfzehn Jahren fiel die Entscheidung, für das Gymnasium den Weg zum Abitur bundesweit auf acht Jahre (sog. G8) festzulegen. Diese Reform wurde teilweise wenig vorbereitet und überhastet eingeführt, mancherorts wurden die angepassten Lehrpläne in den Schulen nicht ausreichend umgesetzt und partiell bleibt aufgrund zu großer Stoffdichte im Unterricht zu wenig Gelegenheit zum Üben und Vertiefen. In jedem Fall müssen Versäumnisse nachgeholt und Fehler korrigiert werden. Es wäre jedoch falsch, sich aufgrund korrigierbarer Fehler von der grundsätzlich richtigen Entscheidung zur kürzeren Schulzeit bis zum Abitur zu verabschieden – zumal es viele Wege gibt, außerhalb des Gymnasiums in neun Jahren zum Abitur (sog. G9) zu gelangen.

Irrtum: Das achtjährige Gymnasium schafft Stress.
  • Stress am Gymnasium ist nicht automatisch auf die Verkürzung der Schulzeit zurückzuführen. „G8“ wird oft als Sündenbock für Probleme in der Schule benutzt, die andere Ursachen haben.
  • Studienanfänger und -anfängerinnen mit acht Jahren Gymnasium klagen wenig über eine stressige Schulzeit, während diejenigen mit neun Jahren Gymnasium acht Jahre für anstrengend halten.
  • Die Anmeldezahlen am Gymnasium sind mit „G8“ auf 40 % der Schülerschaft gestiegen, dies spricht für eine breite Akzeptanz.
  • Die vielfältigere Schülerschaft fordert die Gymnasien allerdings in erheblichem Maße heraus. Die Heterogenität ist eine größere Herausforderung für den Unterricht als die bloße Verkürzung der Schulzeit. Gymnasien müssen ihre Schülerinnen und Schüler besser individuell fördern.
  • Schulen können mit einer guten Organisation der Stundentafeln die Belastungen der Schülerinnen und Schüler altersgemäß austarieren und Lernzeiten angemessen verteilen.
  • Gymnasien sind oft über Mittag hinaus arbeitende Schulen, ohne wirkliche Ganztagsschulen zu sein. Ein Gesamtkonzept für Vor- und Nachmittag muss auch eine betreute Lernzeit einschließen. Bund und Länder sollen Gymnasien die finanziellen und organisatorischen Rahmenbedingungen bieten, sich zur Ganztagsschule zu entwickeln.
Irrtum: Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium schafft Schulfrieden.
  • Die erneute Umstellung auf neun Jahre zum Abitur bringt wieder neue Anstrengungen mit sich; die Schulen werden mit organisatorischen Aufgaben belastet, beim Angebot beider Wege an einer Schule sogar auf Dauer.
  • Bildungspolitik darf nicht permanent neue Aufgaben an die Schulen stellen und die eine Reform durch die nächste überholen lassen, bevor die erste Reform überhaupt umgesetzt worden ist. Dies kann keinesfalls im Interesse der Lehrkräfte, Eltern und Kinder sein.
  • Mit der Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium hier, einem Parallelangebot von „G8“ und „G9“ da sowie dem achtjährigen Gymnasium dort, entsteht ein weiterer föderaler Flickenteppich. Die Mobilität von Beschäftigten und ihren Familien wird damit weiter beschnitten.
Irrtum: Die Wirtschaft hat „G8“ gefordert, jetzt ist der Nachwuchs zu jung.
  • Junge Menschen kommen durch „G8“ früher in Ausbildung oder Studium und damit in den Beruf. Sie gewinnen so frühzeitig die Chance, sich zu qualifizieren und in den Arbeitsmarkt einzusteigen.
  • Jugendliche, die noch Zeit und Orientierung brauchen, können das gewonnene Jahr nutzen, um sich nach eigenen Vorstellungen und individuellen Schwerpunkten weiter zu bilden.
  • Der frühere Eintritt in den Arbeitsmarkt schafft für die Einzelnen mehr Jahre der Berufstätigkeit und Verdienstmöglichkeiten sowie mehr Wertschöpfung. Dies ist angesichts des gravierenden Fachkräftemangels von zentraler Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Deutschland.
  • Die Betriebe heißen jüngere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen willkommen. Sie sind an jungen Nachwuchs gewöhnt, sind doch junge Erwachsene nach einer Ausbildung – und damit der Großteil des Personals – bei Berufseintritt immer schon deutlich jünger als Hochschulabsolventen.
Fakt: Acht Jahre am Gymnasium sind üblicher als neun Jahre.
  • Die neuen Bundesländer haben seit jeher eine Schulzeit von zwölf Jahren zum Abitur. Schulen und Kinder kommen damit ohne besondere Belastungen zurecht.
  • Das Abitur nach 12 Jahren Schule ist international üblich, nach 13 Jahren dagegen eine Ausnahme der westlichen Bundesländer.
  • Es gibt keineswegs in allen Ländern einen Trend zum neunjährigen Gymnasium; während Bayern nun zum G9 zurückkehrt, lehnt Baden-Württemberg dies ab. In allen Bundesländern gibt und gab es stets einen neunjährigen Weg zum Abitur neben dem Gymnasium, teilweise als direkter Weg über integrierte Schulformen oder über die mittlere Reife und den Übergang in die gymnasiale Oberstufe.
  • Auch im beruflichen Schulwesen kann die Hochschulreife erworben werden; in einigen Bundesländern kommen sogar rd. 50 % der Hochschulzugangsberechtigungen eines Jahrgangs aus den beruflichen Schulen.
  • Acht Jahre zum Abitur sind das Alleinstellungsmerkmal des Gymnasiums und machen sein Profil aus. Darauf sollte nicht leichtfertig verzichtet werden.
Fakt: Leistungen sind nicht schlechter bei kürzerer Zeit.
  • Im bundesweiten Vergleich erreichen mit Sachsen und Thüringen Länder mit „G8“ mit klarem Vorsprung die besten Schulleistungen.
  • Vergleiche zwischen Absolventen und Absolventinnen von acht bzw. neun Jahren am Gymnasium zeigen keine Verschlechterung der Leistungen im Abitur.
  • Es soll nicht derselbe Stoff in weniger Schuljahren gelernt werden, sondern die Ausrichtung der Lernziele neu justiert werden. Tragfähige Allgemeinbildung, nicht Spezialwissen ist gefragt.

G8 ist Standard in den neuen Bundesländern und in der Welt

Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer: „Das neunjährige Gymnasium ist eine westdeutsche Ausnahmeerscheinung. In keinem europäischen Land dauert die Schulzeit bis zur Hochschulreife so lang. G8 ist internationaler Standard. Auch die neuen Bundesländer setzen G8 seit langem problemfrei um und sehen keinen Änderungsbedarf“.

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November 2018