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Wir brauchen alle!

Eine steigende Zahl von Studienanfängerinnen und -anfängern bei einer gleichzeitig leicht rückläufigen Zahl von Ausbildungsvertragsabschlüssen hat zu Sorgen um den Nachwuchs in der dualen Berufsausbildung und zu einer kontroversen Debatte über die richtige Akademisierungsquote für Deutschland geführt. Diese Debatte ist irreführend, undifferenziert und schadet dem Gedanken und den bereits bestehenden Modellen eines durchlässigen Bildungssystems. Die Unternehmen brauchen Absolventinnen und Absolventen sowohl aus der akademischen wie aus der beruflichen Bildung. Die beiden Bereiche dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden bzw. sich zu Lasten des jeweils anderen Bildungsbereichs einseitig profilieren. Im Gegenteil: Gebraucht werden kluge und tragfähige Konzepte des Miteinanders beider Bildungssäulen, um den komplexen Bildungsanforderungen der Wirtschaft gerecht zu werden. Andererseits braucht es aber auch einen klaren Blick auf die Fakten – viel zu oft werden Fehlinformationen und -einschätzungen eins zu eins weitergegeben, ohne die relevanten empirischen Daten in Gänze zu analysieren.

Fakt: Es gibt mehr Ausbildungs- als Studienanfänger.
  • Die Zahlen der Studienanfängerinnen und -anfänger und der Neuzugänge im dualen Berufsbildungssystem sind seit 2011 mit jeweils etwa 500.000 ungefähr gleich hoch. Hinzu kommen aber weitere rd. 200.000 Anfängerinnen und Anfänger einer Berufsausbildung außerhalb des dualen Systems (v.a. in den Gesundheits-, Erziehungs- und sozialen Berufen außerhalb BBiG/HwO), die in der öffentlichen Diskussion meist nicht berücksichtigt werden. Im gesamten Sektor Berufsausbildung gab es im Jahr 2017 knapp 704.600 Anfängerinnen und Anfänger.
  • In der Hochschulstatistik werden auch die aus dem Ausland zum Studium nach Deutschland kommenden internationalen Studienanfänger miterfasst. Deren Zahl liegt bei rd.100.000 jährlich (rd. 20 % aller Studienanfänger). Mehr als die Hälfte von ihnen verlässt Deutschland jedoch wieder nach ihrem Hochschulabschluss.
  • Dies und doppelte Abiturientenjahrgänge waren mitverantwortlich für den starken Anstieg der Studienanfängerquote auf den höchsten Wert im Jahr 2013 von 58 % (2017: 56 %). Um diese beiden Effekte bereinigt liegt die Studienanfängerquote bei ca. 45 %.
  • Nichtsdestotrotz ist die Studienanfängerquote in den letzten 15 Jahren deutlich angestiegen – sie lag im Jahr 2000 noch bei 33 %. Wesentliche Ursache hierfür ist der Trend zu höheren Schulabschlüssen. Aktuell schließt etwa die Hälfte eines Jahrgangs die Schule mit der Studienberechtigung ab (i.d.R. Abitur).
Irrtum: Aus allen Studienanfängern werden Hochschulabsolventen.
  • Die Anfängerquoten in beiden Bildungsbereichen allein zu betrachten, reicht nicht aus. Entscheidend ist die Verfügbarkeit der Absolventinnen und Absolventen am Arbeitsmarkt.
  • Von 100 Studienanfängern beenden nur 71 das Studium mit Erfolg. In der Berufsausbildung sind es dagegen mit rd. 88 von 100, die die Ausbildung mit Erfolg beenden, deutlich mehr. Die sog. Vertragslösungsquote liegt zwar bei 24 % – hier werden aber auch Wechsel in einen anderen Betrieb bzw. Ausbildungsberuf erfasst. Die „echte“ Abbruchquote in der Berufsausbildung beträgt rd. 12 %.
  • Im Jahr 2017 strömten aus den Hochschulen 311.000 Erstabsolventinnen und
    -absolventen auf den Arbeitsmarkt bzw. in ein weiterführendes Studium. Die entsprechende Zahl im Sektor Berufsausbildung lag bei rd.635.000, d.h. mehr als doppelt so hoch (Integrierte Ausbildungsberichterstattung).
Fakt: Auch für Studienberechtigte ist eine duale Berufsausbildung interessant.
  • Seit 1995 ist der Anteil der Ausbildungsanfänger mit Studienberechtigung um mehr als zwölf Prozentpunkte angestiegen (von 15,5 % auf 27,7 %). Richtig ist aber auch, dass deren absolute Zahl sich nicht so stark erhöhte wie die Studienberechtigtenzahl insgesamt.
  • Daher müssen die Schulen, die zur Hochschulreife führen, stärker als bisher beide Bildungsbereiche gleichberechtigt vorstellen. Die Berufs- und Studienorientierung muss systematisch in Sekundarstufe I und II verankert werden. Dies gilt auch für Gymnasien.
  • Zusatzangebote für Leistungsstarke sind ein wichtiges Instrument, um das Interesse an einer dualen Ausbildung weiterhin hoch zu halten und die Entscheidung hierfür zu fördern. Hierzu zählt die Möglichkeit zum Erwerb von Zusatzqualifikationen, wie z.B. digitale Kompetenzen und Fremdsprachenkenntnisse, ebenso wie der parallele Erwerb von (Fach-)Hochschulreife und beruflichem Abschluss.
Irrtum: Wir bilden zu viele Akademikerinnen und Akademiker aus.
  • Aufgrund der demografischen Entwicklung wird die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter von 20 bis 65 Jahren bis 2030 um knapp 6 Mio. auf unter 44 Mio. zurückgehen. Bis 2040 könnten insgesamt knapp 4 Mio. Arbeitskräfte fehlen – trotz einer angenommenen Nettozuwanderung von 200.000 Personen jährlich.
  • Zwar droht bis zum Jahr 2040 der größte Fachkräftemangel bei Personen mit einem beruflichen Abschluss, aber ohne entsprechende Fachkräftesicherungsmaßnahmen werden im Schnitt auch 12 % aller Stellen für Hochqualifizierte unbesetzt bleiben. Hinzu kommt: Die Anforderungen in der Berufswelt steigen kontinuierlich – insbesondere im Zuge der Digitalisierung .
  • Für Hochschulabsolventinnen und -absolventen ist die Beschäftigungssituation seit vielen Jahren unverändert günstig. Ihre Arbeitslosenquote liegt seit der Wiedervereinigung fast durchweg unter 4 % und aktuell bei 2,5 %; dies entspricht Vollbeschäftigung.
  • Die Argumentation gegen eine zu hohe Akademikerquote birgt auch die Gefahr eines Zurückfahrens der Hochschulfinanzierung durch Bund (Hochschulpakt) und Länder (Grundfinanzierung).
  • Eine künstliche Verknappung von Studienplätzen mit dem Ziel der Erhöhung der Nachfrage nach einer Berufsausbildung wäre verfassungsrechtlich bedenklich und ordnungspolitisch sehr zu hinterfragen.
Irrtum: Die zu starke Akademisierung ist das größte bildungspolitische Problem in Deutschland.
  • Statt ein Mehr oder Weniger in dem einen oder anderen Bildungsbereich zu diskutieren, sollte der Blick vielmehr auf die wichtigen bildungspolitischen Herausforderungen der nächsten Jahre gerichtet werden.
  • Die Zahl der Schulabbrecher ist zwar seit 2007 kontinuierlich zurückgegangen, liegt aber immer noch bei rd. 50.000 jährlich.
  • Fast 18 % der Schülerinnen und Schüler erreichen in Mathematik nur die PISA-Stufe 1, d.h. sie können als 15-Jährige nur auf Grundschulniveau rechnen und sind damit nicht ausbildungsreif.
  • 1,2 Mio. junge Menschen zwischen 20 und 29 Jahren haben keinen Berufsabschluss, etwa die Hälfte ist nicht erwerbstätig.

Ehem. Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka, 19. Januar 2015

„Wir brauchen gute Fachkräfte in beiden Segmenten. Ich bin absolut dagegen, Studium und Ausbildungsberufe gegeneinander auszuspielen. Ich lehne auch Quoten ab, wie sie manche fordern, das wäre völlig willkürlich und würde den Grundsatz freier Wahlmöglichkeiten beschränken. Wir müssen jedem, der ein Studium erfolgreich bewältigen kann, die Möglichkeit dazu bieten.“

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November 2018