ARBEIT MADE IN GERMANY


New Time, New Place: Flexibilität in den Betrieben

Für Unternehmen bedeutet zeitliche Flexibilität die Anpassung an eine schwankende Auftragslage, Kundenwünsche und Unternehmenssituation. Zeitliche Flexibilität hat daher eine enorme wirtschaftliche Bedeutung. Beschäftigte können durch die betriebliche Flexibilisierungsmöglichkeiten den eigenen Arbeitsalltag sowie die Erwerbsbiografie individueller gestalten. So bieten Unternehmen bereits an, mithilfe von Arbeitszeitkonten und Ansparen von Entgelt während eines Sabbaticals „mal den Kopf frei zu bekommen und Neues zu erleben“.

Unternehmen unterstützen die Beschäftigten darin, die Balance halten zu können

Heute hat die Mehrheit der Betriebe verschiedenste Möglichkeiten im Portfolio, um die Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf möglich zu machen (IAB, 2018b). Bereits 90 % der Tarifverträge enthalten Vereinbarungen zur Vereinbarkeit (Schneiders, 2018). Eine Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) bestätigt das Engagement der Unternehmen: Die Mehrzahl der Erwerbstätigen können 2017 - im Gegensatz zu 2015 - verstärkt Einfluss auf ihre Arbeitszeitgestaltung nehmen (BAuA, 2018a).
Unternehmen unterstützen ihre Beschäftigten beispielsweise bei der Kinderbetreuung: Das Engagement reicht vom Eltern-Kind-Arbeitszimmer im Betrieb über Belegplätze in Kitas bis hin zu Kinderprogrammen in den Ferien. Es gibt inzwischen mehr als 664 betriebseigene Kitas in Deutschland (Destatis, 2018b). Zudem erleichtern Unternehmen ihren Beschäftigten den Wiedereinstieg nach einer Auszeit mit speziellen Förderprogrammen oder ermöglichen Jobsharing-Modelle – auch in Führungspositionen. Auch das Thema Pflege von Angehörigen rückt in den Fokus. Daher bieten Arbeitgeber*innen ihren Beschäftigten Angebote zur Pflegeberatung, altersgerechtem Wohnraum sowie Möglichkeiten für Sonderurlaub, Freistellung und Arbeitszeitverkürzung, wenn Beschäftigte pflegen. Einige Betriebe halten einen Notfallkoffer bereit, in dem bei kurzfristig eingetretener Pflegebedürftigkeit eine Sammlung mit Basisinformationen und Ansprechpartnern für die Angehörigen enthalten sind. Vermittlungsangebote der Arbeitgeber*innen stellen ebenso eine große Hilfestellung und Entlastung für die Beschäftigten dar. Dies gilt auch für die Vermittlung von haushaltsnahen Dienstleistungen, z. B. Bügeldienste (BDA, 2013, >> Gute Bezahlung, umfassende soziale Absicherung, viele Extras).
Gut zu wissen:
Flexible und individuelle Arbeitszeitgestaltung, welche sowohl für Unternehmen als auch für Beschäftigte vorteilhaft ist, berücksichtigt zwei Perspektiven: Zum einen muss die betriebliche Flexibilität stets zuverlässig Kundenbedürfnisse erfüllen. Zum anderen soll sie die zeitliche Flexibilität der Beschäftigten unterstützen und lebenssituationsspezifische Arbeitszeit ermöglichen, die z. B. die Betreuung von Kindern oder die Pflege kranker Angehöriger erlaubt (BDA, 2021).

Tarifverträge ermöglichen immer mehr Flexibilität bei Arbeitszeit und Arbeitsort

Die Tarifpartner haben in verschiedenen Branchen bereits eine Reihe teils sehr unterschiedlicher Lösungsansätze für flexible Arbeit gefunden. Tarifverträge bieten hierfür einen geeigneten Rahmen, der von den Betrieben entsprechend den betrieblichen Gegebenheiten und Anforderungen im Einklang mit den Bedürfnissen der Beschäftigten näher ausgestaltet werden kann. Der tarifliche Instrumentenkasten für eine Flexibilisierung der Arbeitszeit und der Arbeitsorganisation ist groß. Tarifverträge bieten bspw. den Rahmen für mobiles Arbeiten in einem Betrieb oder flexible Tages- und Wochenarbeitszeiten, wie etwa durch Arbeitszeitkonten oder eine lebensphasenorientierte Arbeitszeitgestaltung. Auf der Grundlage von Tarifverträgen können höchst individuelle Arbeitszeitmodelle in den Betrieben entwickelt werden – von der zeitweisen Verkürzung der Arbeitszeit (z. B. um Kinder besser betreuen oder sich beruflich weiter bilden zu können) bis hin zur Wahlmöglichkeit der Beschäftigten zwischen Entgelterhöhung oder bspw. zusätzlichen freien Tagen. Wichtig bei solchen Regelungen ist immer, dass sie Optionsmodelle für die Betriebe und ihre Beschäftigten bieten, die betriebsspezifisch und passgenau umgesetzt werden können.

Infobox

    • Gemeinsam durch die Krise: Mobile Arbeit gestern, heute und morgen50%
      Mobile Arbeit bringt für viele Beschäftigte mehr Spielraum bzw. Autonomie im Arbeitsalltag und eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben. Während der Krise hat insb. das Arbeiten im Homeoffice als Form mobiler Arbeit zur Reduzierung von Kontakten und damit Infektionsrisiken an Bedeutung gewonnen. Der Anteil der Beschäftigten, die Homeoffice nutzen können, ist gemäß der IAB-Befragung Befragung „Betriebe in der Covid-19-Krise“ deutlich gestiegen (Bellmann et al., 2020). Dabei sind die Potenziale von mobiler Arbeit noch nicht ausgeschöpft. In Zukunft wird sich der Anteil der Beschäftigten, die ortsflexibel arbeiten können, vermutlich noch weiter erhöhen. Der technologische Fortschritt (steigende Leistungsfähigkeit der Breitbandtechnologie, Weiterentwicklung mobiler Anwendungen und Endgeräte) ermöglicht beispielsweise ortsunabhängiges Arbeiten z. B. auch in der Produktion (TAB, 2017). Der Resilienz-Check 2020 von BDA und Microsoft (2020) zeigt, dass Unternehmen während der Krise flexibler geworden sind und ihre digitale Infrastruktur erweitert haben. Natürlich stellen sich in diesem Rahmen nun neue Fragen, wie z. B. Bürokonzepte aussehen, die einer steigenden Zahl an Tagen mobiler Arbeit pro Woche Rechnung tragen. Ebenso in welchem Rahmen mobile Arbeit noch vertretbar ist im Hinblick auf die gegenseitige Unterstützung durch Kollegen und Führungskräfte. In einigen Tarifverträgen haben Tarifvertragsparteien dazu bereits Regelungen implementiert und schaffen damit gute Rahmenbedingungen für mobile Arbeit.

Vertrauen und Absprachen schaffen Klarheit bei mobiler Arbeit

Befürchtungen, dadurch oft auch außerhalb der eigenen Arbeitszeiten in Anspruch genommen zu werden, sind erfreulicher Weise eher unbegründet: Der Anteil Beschäftigter, die im Privatleben kontaktiert wurden (von Kolleginnen & Kollegen, Mitarbeiterinnen & Mitarbeitern, Vorgesetzten oder Kundinnen & Kunden), liegt seit 2015 konstant bei 12 % (BAuA, 2018b). Anders sieht es in Bezug auf die Erwartung der Beschäftigten aus. Hier gehen 24 % der Beschäftigten davon aus, privat erreichbar sein zu müssen (BAuA, 2018b), auch wenn dies gar nicht erwartet wird. Auch das Verhalten von Kolleginnen & Kollegen und Vorgesetzten spielen eine große Rolle: Je höher Druck bzw. die Erwartung erreichbar sein zu müssen, desto eher ist man auch außerhalb der Arbeitszeit erreichbar (Kauffeld, 2020). Interne Regelungen, wie Kommunikationsregeln, die Festlegung von Reaktionszeiten und Begrenzung von Verteilerkreisen haben sich daher in der Praxis bewährt.
Tatsache ist jedoch auch, dass nicht alle Tätigkeiten mobiles Arbeiten und Homeoffice zulassen. Vor der Pandemie geben 60 % der Beschäftigten an, auf Homeoffice bewusst zu verzichten, um Grenzen zwischen den Lebensbereichen zu wahren oder weil die Zusammenarbeit mit Kolleginnen & Kollegen sonst erschwert werden würde. Nur 8 % der Befragten gibt an, dass sie sich Homeoffice wünschen, die Arbeitgeberin oder der Arbeitgeber dies jedoch nicht zulässt (BAuA, 2020b). Am Ende muss in jedem Unternehmen eine eigene Lösung zum passenden Umgang mit dem Arbeiten von unterwegs und von Zuhause gefunden werden.
Gut zu wissen:
Für mehr Flexibilität brauchen wir auf allen Seiten – politisch, gesellschaftlich, bei den Arbeitgeberinnen & Arbeitgebern und Beschäftigten – vor allem gegenseitiges Vertrauen und Mut für Neues! Denn das Potenzial von flexibler Arbeit ist noch lange nicht ausgeschöpft. Manchmal müssen auch (gesetzliche) Rahmenbedingungen verbessert oder neue, betriebliche Regelungen gefunden werden. Wir werden uns auch mit neuen Fragen auseinandersetzen, z. B. wie eine Gefährdungsbeurteilung im Homeoffice durchgeführt werden kann. Auch die Rolle von Eigenverantwortung und Arbeitsgestaltungskompetenz werden weiter wachsen – denn je flexibler und eigenständiger wir arbeiten, desto mehr müssen wir auch auf uns selbst Acht geben. Fakt ist: Der Sprung in das Neue Normal gelingt nur zusammen, Hand in Hand.